Schreiben ist Denken auf Papier.
Oder halt auf Tastatur. Und Bildschirm. Ich weiß gerade gar nicht, wann ich das letzte Mal auf Papier geschrieben habe. Mit Füllfeder schon gar nicht. Eher habe ich mit so einem nicht funktionierenden Kugelschreiber meine Einkaufsliste auf der Rückseite einer alten Stromrechnung eingraviert. Sie kennen das. Aber geschrieben, poa...keine Ahnung mehr. Wahrscheinlich irgendwann, 1. Volksschule: "Mimi, Oma, Mama,..."
Was mache ich hier eigentlich?
Diese Seite ist sowas wie ein CT. Also Computertomographie. Sie bekommen hier einen Einblick in mein Gehirn. Da das Gehirn ja direkt unter der Schädeldecke ist, nämlich genau dort wo auch die Haarwurzeln ihre Wurzeln haben, wird es vollkommen klar, wo der Spruch "an den Haaren herbeigezogen" herkommt. Denn das ist, wie ich meine Geschichten entstehen lasse. Ich ziehe sie an den Haaren herbei.
Viel Vergnügen!
Morgen? Besser!
Damals, da wo früher alles besser war, da war die Welt halt noch in Ordnung. Heutzutage muss morgen alles besser sein. Viel besser. Der Aufruf lautet nicht: Sei du selbst! Nein, der lautet: Sei die beste Version deiner selbst! Und zwar tagtäglich. Wehe du bist morgen noch so scheiße wie heute. Optimiere dich oder stirb mittelmäßig! Schäm dich. Der Optimierungswahn ist in vollem Gange und ich bin mittendrin. Naja natürlich! Erstens bin ich extrem anfällig für Trends und zweitens wahnsinnig leicht *oh, ein Schmetterling* ablenkbar. Weiters macht es mir auch wirklich Spaß, jeden neuen Hype gleich mal auszuprobieren, weshalb ich schon vor längerer Zeit auf das Thema Morgenroutine gestoßen bin. Das ist das, wo man sau früh aufsteht, und zwar noch lange bevor die Sonne aufgeht. Eigentlich steht man näher beim Sonnenuntergang als beim Aufgang auf, was zur Folge hat, dass es noch finster ist, wenn man das erste Mal wieder müde ist. Da stehe ich jetzt zu einer Zeit auf, zu der ich damals noch nichtmal ans heimgehen gedacht habe. Kann man das glauben? Ich nicht. Aber darum geht’s jetzt nicht. Früher hieß es „Der frühe Vogel fängt den Wurm“, heute heißt es „Der frühe Vogel hat eine Morgenroutine.“ Ich habe gelesen, erfolgreiche Menschen stehen um 4 Uhr auf, also bin auch ich kurz vor 4 Uhr aufgestanden. Und da war ich gleich mal besser als die anderen. Wissen Sie was ich dann um 4 Uhr gemacht habe? Nachgedacht. Nachgedacht, warum ich nicht einfach weiterschlafe. Dabei sind die ersten zwanzig Minuten ja so entscheidend, also habe ich meditiert. Mit einer App. Natürlich mit einer App. Weil nichts sagt „innerer Frieden“ so sanft und einfühlsam, wie eine Stimme, die 7,99 im Monat kostet. Gönn ich mir. Anschließend ein Glas Zitronenwasser, um den Körper zu entsäuern, danach Journaling. Journaling, ich weiß nicht einmal wie man das ausspricht, aber da Sie das ja hier selbst lesen und niemand aussprechen muss, ist das auch unwichtig. Ich weiß nur, dass man sich Sachen aufschreiben soll. Gedanken, Gefühle und Emotionen um die Selbstreflexion und innere Klarheit zu fördern. Für viele ist ja der Blick in den Spiegel schon genug Selbstreflexion, aber da bin ich zum Glück schon weiter. Hinausentwickelt quasi. Das alles schreibt man auf einen Zettel oder in ein Büchlein. Händisch, versteht sich. Und dann 45 Minuten Workout, um sich zu fühlen wie ein Champion! Ja stimmt, das kann ich bestätigen und zwar wenn man Champion mit Schwammerl übersetzt. Dann hab ich noch ein zweites Glas lauwarmes Zitronenwasser getrunken. Warum? Weil erfolgreiche Menschen Zitronenwasser trinken, verdammt nochmal! Und dann, was war dann? Aja genau. Endlich essen. Nach den bisherigen Aktivitäten hätte ich schon Gusto auf ein Schnitzel gehabt, aber um 05:50 ist das dann doch ein wenig übertrieben, deshalb Müsli. Haferflocken in ungesüßter Hafermilch. Noch besser wären ja letschade Chia Samen. Superfood ist das. Nahrhaft und macht nicht blad. Wissen Sie, wie Chia Samen schmecken? Nein? Na kein Wunder, nach nichts nämlich, die schmecken nach nichts! Der Vorteil, wenn sie nach nichts schmecken: Sie können einem nicht nicht schmecken. Chia Samen sind für mich die kulinarische Version von Exceltabellen: l.a.n.g.w.e.i.l.i.g. Dann gäbe es da noch Tofu. Aber über Tofu macht man keine Witze, das wäre geschmacklos. Ich habe mich dann mit mir darauf geeinigt, weiterhin Kaffee zu trinken, ein bis zwei weiche Eier mit einem Dinkel-Butter-Semmerl hinunterzugenießen, denn dann funktionieren meine wichtigsten zwanzig Minuten in der Früh, nämlich am Häusl, auch einwandfrei. Weiter geht es dann mit dem absoluten Ultratrend „Kalt-Duschen“. Ich mag in der Früh schon nicht warm duschen, wie soll ich dann kalt…brrr, nö, nicht mein Fall. Aber erfolgreiche Menschen machen das nunmal und da ich auch erfolgreich sein will, habe ich es durchgezogen. Kurz. Sehr kurz. Mittlerweile weiß ich, wie das erfolgreiche Menschen machen, nämlich in ihrer Villa in der Karibik bei 40 Grad Schattentemperatur. Dort dusche ich auch kalt. Gerne sogar. Aber bei uns gibt es ja nur mehr Juni, Juli, Herbst und Winter. Wo bleibt die Erderwärmung, wenn man sie braucht? Für mich fühlt sich das nicht nach Erfolg sondern nach Frostbeulen an. Fast vergessen, ein Glas lauwarmes Zitronenwasser. Dann weiter im Programm mit Schritte zählen, tief in den Bauch atmen, kurz aufstoßen weil das Chia-Samen-Schnitzel noch drückt, aufrecht stehen, keine bösen Gedanken denken, positiv sein, und so weiter. Zum Mittagessen war ich eigentlich schon wieder bereit für die Nachtruhe, also habe ich mir kein Gulasch herbeiaffimiert, weil vorm Schlafen soll man ja nicht zu viel essen. Mittagsschlaf in dem Fall. Das ist was, was auch wirklich gesund ist. Yes! Das einzige Problem, das ich habe, ist, nach dem Nickerchen wieder in Schwung zu kommen. An dieser Stelle würde vielleicht eine kalte Dusche helfen, aber ich sollte ja auch noch irgendetwas Produktives zustande bringen, bevor ich mich am Abend dann zu meinem Dankbarkeitstagebüchlein setzen werde, um für folgende Dinge dankbar zu sein: 1. Dass dieser Tag vorbei ist. 2. Dass ich keine Zitronen mehr im Haus habe.
Hätte. Hätte. Fahrradkette.
Ich möchte eine Geschichte über Ali erzählen. Eigentlich heißt er Albert, glaube ich. Niemand nennt ihn so, alle sagen Ali, weswegen ich mir gerade überhaupt nicht sicher bin ob er nicht doch Alexander heißt? Oder Alfred? Egal. Ali ist ein Freund von mir. Wobei, Freund ist schon ein starkes Wort, das hier doch etwas zu weit geht, ich meine, was ist ein Freund? Ein Freund ist jemand, der dich nach 2 langen Jahren kontaktiert, und ohne „Hallo“, oder „Wie geht es dir?“ sagt: „Du, ich müsste ein Sofa aus dem 57sten Stock (ohne Lift) hinuntertragen, dann nach Edelschrott bringen (nein, das ist kein Mistplatz für Luxusgüter, sondern ein Ort in der Steiermark) und mit einem kleinen Klavier (das sich später als Flügel entpuppt) wieder zurück fahren. Ja und hinauf. Ja genau. Ohne Lift. Aja und, ähm, du hast ja ein großes Auto, oder?“ Ja, das ist ein richtiger Freund. Aber auch nur, wenn er dich nicht anruft, sondern mit dieser Information schon vor deiner Haustür wartet. Nein, so einer ist Ali nicht, der hat nämlich kein Sofa. Deswegen würde ich sagen, er ist ein guter Bekannter. Naja, lassen wir das gut weg. Das fühlt sich beim Schreiben gerade auch übertrieben an. Sagen wir so: Man kennt sich. Ali ist der Typ Mensch, der immer eine Antwort parat hat. Selbst, wenn da gar keine Frage ist. Bitte nicht falsch verstehen jetzt, er weiß tatsächlich viel, zum Beispiel, wie der Paarungsruf des Lumbricus terrestris, auch als Tauwurm oder Regenwurm bekannt, klingt und dass man das Mangalica-Schwein auch Woll- oder Schafschwein nennt. Er kann auch erklären, warum das Schafschwein nicht „mäh“ macht (was mir persönlich wirklich sehr gut gefallen würde) und, was das überhaupt Wichtigste ist: er weiß, dass dieses Schwein voll ist mit ungesättigten Omega-3 Fettsäuren und natürlichen Antioxidantien, was wiederum bedeutet: dieses Tier ist genauso gesund wie Leinöl und Spinat. Aber ist ja auch logisch, bei dem gesunden Lebenswandel. Oder hat schon jemand ein Mangalica-Schwein bei McDonalds gesehen? Vor der Theke? Eben. Ali weiß, dass man vor und während des Sports Kohlenhydrate zu sich nehmen soll, danach Proteine. Er weiß auch wie wichtig Leucin ist, wenn es um die Mukis geht, er hat nämlich Freunde im Fitnesscenter. Und er weiß immer schon vorher, welche Mannschaft gewinnt. Sportart egal. Seine Lieblingssprüche sind „da kann nichts passieren“, oder „normal geht sich das aus“ und „was soll schon sein“, sowie mein Lieblings-Ali-Spruch „vertraue mir“. Sobald eine dieser Floskeln meinen Gehörgang erreicht, heißt es in Deckung gehen, jeden Moment passiert irgendetwas. Garantiert. Aber wenn man das weiß, kann einem nichts passieren. Was mich an Ali wirklich fasziniert, ist sein allumfassendes Wissen. Kein Thema, keine Theorie und keine Studie, die er nicht kennt, oder nicht selbst gefälscht hat. Ruf ihn an und du erfährst in der Sekunde drei Dinge, die du nicht wissen wolltest. Ich will nicht schlecht reden, wenn du etwas Ordentliches wissen willst, musst du ihn nur fragen, dann kommt auch Sinnvolles heraus. Ich habe zu ihm gesagt, Ali, ich würde gerne etwas sportlicher werden und siehe da, nach einem knackigen Siebenundfünfzigminutentelefonat hat er mir einen kompletten Trainingsplan inklusive Ernährungstipps durchgegeben. An dieser Stelle sollte ich vielleicht erklären, wie Ali aussieht: ungefähr 1,65m groß, knappe 140 kg, Glatze, hochroter Kopf, messgerätinkompatibler Blutdruck, Augenringe, Doppelkinn und zwei ganz dünne, feine Lippen, die er eigentlich hauptsächlich als Zigarettenhalter verwendet. Kein Schritt zu viel, weil, zahlt sich nicht aus, Bier hat er stets mit dem Spruch „Schade um den Durst“ dem Wasser vorgezogen. Ja, er ist ein purer Theoretiker. Ein Leben im Konjunktiv. Ich würde sogar soweit gehen und sagen: typisch. Immer alle Möglichkeiten parat, die man dann, aufgrund von Umständen zuerst nicht, im Nachhinein aber doch machen hätte sollen. Das sitzt tief bei uns, ich nehme mich da selbst nicht aus. Was ich schon alles hätte können können, wenn ich nur, ach egal. Es ist, wie soll ich sagen, ein Fluch. Wir können ja gar nicht anders. Muttermilch quasi. Und unterm Strich, was hätte es gebracht? Ge. Wofür. Wenn ich mir denke, was da alles schiefgehen und passieren hätte können, dann bin ich doch wieder froh, dass es beim Konjunktiv geblieben ist. Übrigens: Wissen Sie, wie Ali gestorben ist? Wurde von einem Flügel erschlagen. Ein Bechstein. Der war nicht so weich wie sein B. Das war pures Pech. Ich spar’ mir jetzt jeglichen banalen Witz über fliegende Flügel. Die Frage, warum das Flügel verleihende Gesöff keine Flügel verkauft auch. Ihm ist der einfach auf den Schädel geknallt, als er ihn mit einem Baukran in den 47sten Stock hieven lassen wollte. Er hat leider niemanden zum Tragen gefunden. War zu ehrlich. Also blickte er nach oben, sah den Flügel auf sich zukommen und murmelte: „Normal müsste sich das ausgehen.“ Stimmt schon, meistens geht es sich auch aus, Ali. Meistens. Und ehrlicherweise muss man auch sagen, gesund gelebt oder nicht, ist in dem Moment auch wurscht. Aber er hätte auch einen Schritt zur Seite machen können. Hätte.
Naja, war nicht der Typ dazu.
Quasimodus.
Berufs- und hobbybedingt beschäftige ich mich sehr viel mit Texten, mit Sprache, mit Menschen, die Texte in Sprache verwandeln, und mit Texten, die Sprache in Menschen verwandelt. Mit Menschen, die zu wenig reden und Menschen, die weniger reden sollten. Ich habe auch ziemlichen Spaß daran, zu überlegen, was diese florierenden Floskeln, die wir quasi tagein tagaus verwenden, bedeuten (könnten), also was quasi dahintersteckt. Ich seziere quasi die lebende Sprache am offenen Herzen und zwar mit der Hilti. Einiges mag gekünstelt klingen. Ist es auch. (Ich liebe es, Überlegungen quasi an den Haaren herbeizuziehen.) Mein aktueller Lieblingssatz: „Wir werden das Thema asap, lösungsorientiert und proaktiv angehen!“ „Asap: As soon as possible“, ja genau. „Lösungsorientert“, na no na. „Proaktiv“, reicht nicht einfach „aktiv“? Diese heilige Dreifloskeligkeit der anglizistisch-linguistischen Verblödung hätte früher geheißen: „Passt, moch’ ma!“ In beiden Fällen kümmert sich keiner darum, bis jemand anruft und sich beschwert. (Eine liebenswerte Marotte unseres Landes.) Und ich beobachte das alles quasi mit einer Mischung aus Faszination und, ja, Faszination. Sprache ist ein Wunderwerk: man kann mit ihr lieben, trösten, erklären, verletzen – oder eben wunderbar nichts sagen. Letzteres beherrschen wir auf einem Niveau, das man nur als fortgeschritten bezeichnen kann. Quasimodus eben. Füllwörter, Weichmacher, Ausweicher. Man redet, als hätte man etwas zu sagen. Und sagt dabei vor allem, dass man redet.
Ach so! Ihnen gefällt meine Herangehensweise nicht? Ok, nehme ich zur Kenntnis, oder besser gesagt, ich „nehme Ihre Kritik mit“. Wohin genau, weiß ich nicht. Vermutlich in einen gedanklichen Geräteschuppen, wo sie neben dem unbenutzten Flipchart von 2017 verstaubt. Aber sie wird mitgenommen. Das ist wichtig. Kritik, die nicht mitgenommen wird, fühlt sich schnell allein.